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Antimuslimischer Rassismus

„Solange es viel Arbeit gab

gab man die Drecksarbeit uns ab

doch dann als die große Krise kam

sagte man, wir sind Schuld daran“

Cem Karaca – Es kamen Menschen an

Dieses Zitat aus dem Song „Es kamen Menschen an“ vom Cem Karaca, veröffentlicht 1984, zeigt: Rassismus gegen muslimische Menschen manifestiert sich in der Bundesrepublik Deutschland spätestens mit Ankunft der Gastarbeiter*innen aus der Türkei. Auch der Rapper Eko Fresh widmete einem seiner Songs der Generation der Gastarbeiter*innen. Auf Youtube könnt ihr in die Songs reinhören.

Während der rassistische Vorwurf gegenüber der Gastarbeiter*innen-Generation vom Narrativ geprägt war, dass diese Arbeitsplätze „klauen“ würden, ist der aktuelle antimuslimische Rassismus von anderen Narrativen geprägt. Der Politikwissenschaftler Ozan Zakariya Keskinkılıç schreibt, Menschen muslimischen Glaubens „[…] werden zur Metapher gesellschaftlichen Übels gemacht – indem man ihnen etwa die Attribute sexistisch, homophob, gewalttätig, integrationsunwillig zuschreibt – und sie so aus dem nationalen ‚Wir‘ herausdekliniert. Die ‚Anderen‘ werden herabgestuft und ‚wir‘ werden überhöht.“

Anlässlich der Pegida-Demonstrationen erklärte der Islamwissenschaftler Farid Hafez einen ähnlichen Effekt: Warum antimuslimischer Rassismus vor allem dort auftaucht, wo wenig muslimische Menschen leben.

Am Wandel der rassistischen Zuschreibungen, vor allem aber an der Verbreitung dieser Narrative, hat ein Beststeller von 2010 einen großen Anteil: Der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin publiziert sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ und wird von zahlreichen Medien in Deutschland hofiert. Das Buch zeigt dabei, wie moderner Rassismus funktioniert und sich einen pseudowissenschaftlichen Anstrich verpasst: Sozialdaten wie Bildungserfolge oder Einkommen werden mit abwertenden Klischees über angebliche kulturelle Eigenschaften von muslimischen Menschen verknüpft und das geschaffene Negativbild als quasi-vererbbare Eigenschaften dargestellt.

Antimuslimischer Rassismus führte in der Geschichte der Bundesrepublik immer wieder zu Gewalt und auch zu Morden. Der Täter des Anschlags in Hanau war beispielsweise von tiefem Hass auf muslimische Menschen angetrieben. Ein weiteres dramatisches Beispiel: Am 1. Juli 2009 wurde die ägyptische Handballnationalspielerin und Pharmazeutin Marwa El-Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal mit mehreren Messerstichen getötet. El-Sherbini sagte vor Gericht als Zeugin gegen den späteren Täter aus, weil dieser sie zuvor rassistisch beleidigt hatte.

Antimuslimischer Rassismus äußert sich auch strukturell. Beispielsweise gibt es in Deutschland immer wieder Gerichtsurteile, die das religiöse Symbol des Kopftuchs als politisches Symbol werten und deshalb das Tragen von Kopftüchern für Berufsgruppen im Öffentlichen Dienst verbieten. Studien zeigen auch, dass muslimische Schüler*innen häufig benachteiligt werden und Menschen muslimischen Glaubens bei der Arbeitsplatzsuche diskriminiert werden.

Wir haben mit Nava Zarabian von der Bildungsstätte Anne Frank über antimuslimischen Rassismus gesprochen:

Fotografin: Abisag Tüllmann
Aufnahmedatum: 1973
Aufnahmeort: Frankfurt am Main – Westend

Das Foto zeigt einen Gastarbeiter in seinem Frankfurter Zimmer im Jahr 1973. Gegen den Rassismus, dem Gastarbeiter*innen in den Betrieben ausgesetzt waren, gründete sich der gewerkschaftliche Kumpelverein „Gelbe Hand“ und initiierte die erfolgreiche Kampagne „Mach meinen Kumpel nicht an.“ Auf die „Sarrazin-Debatte“ antworteten bekannte Autor*innen mit dem Buch „Deutschland erfindet sich neu“.

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